In Vorbereitung: Toponymisches Heft Nr. 2
Das nächste Toponymische Heft erforscht die Geschichte Chan Chans, einer der größten prähispanischen Lehmstädte an der Nordküste Perus. Seit seinem Fall im Jahr 1470 wurde das einstmals heilige Zentrum der Chimú-Kultur bis zur Unkenntlichkeit entstellt, systematisch geplündert, von Wind und Erbeben versehrt. Der hohe Grad des Zerstörung verleiht der archäologischen Stätte bis heute eine surreale Anmutung. Da die Sprache der Chimú, das gutturale Quingnam, bald nach Eroberung der Spanier bis auf einige wenige Personen- oder Ortsnamen ausstarb, ist auch der wirkliche Name Chan Chans nicht bekannt.
Anfang der sechziger Jahre macht der deutsch-peruanische Linguist J.C. Duenkel auf der Isla del Sol im bolivianischen Teil des Titicacasees eine erstaunliche Entdeckung: Im Süden der Insel hat sich eine kleine Gemeinde erhalten, die die verloren geglaubte Sprache der Chimú noch immer spricht. Duenkel beginnt, die Sprache zu studieren und an einem Wörterbuch des Quingnam zu arbeiten. 1968 kehrt er in seine Heimatstadt Trujillo zurück und beteiligt sich an archäologischen Ausgrabungen in Chan Chan. Mit seinem Wissen um die ursprüngliche Sprache des Ortes, erhofft er sich, neue Einsichten in die linguistischen Grundlagen der Chimú-Kultur und ihre Bauten zu gewinnen. In seinen Notizbüchern dokumentiert er eine Reihe von morphologischen Analogien zwischen Sprache und Architektur. 1969 siedelt der Forscher gemeinsam mit einer Gruppe von 16 Personen auf dem wüstenhaften Grund inmitten der archäologischen Stätte. Wenige Monate zuvor hatte die peruanische Militärregierung unter Präsident Velasco begonnen, eine der drastischsten Agrarreformen Lateinamerikas durchzuführen, bei der die bürgerlichen Großgrundbesitzer Perus enteignet wurden und das Land an Gewerkschaften überging. Inspiriert durch den anti-oligarchischen Geist der Reform, besetzt die Gruppe um Duenkel das Areal des sog. Tschudi-Palastes und fordert dessen sofortige “Ent-nennung”. Weitere Aktionen sollten folgen. Das zweite Toponymische Heft rekonstruiert den historisch-politischen Kontext jener kontroversen Besetzung Chan Chans in Tagebuchauszügen, Zeitungsartikeln und Essays.
